"Willst du es sofort sehen?", fragte mich Majou. "Ich bin wahnsinnig stolz darauf, und ich finde, es ist uns sehr gelungen."
Max blieb draußen an dem neuen, kreisrund angelegten Gemüsebeet zurück, und Majou führte mich ins Haus. Wir betraten den niedrigen Raum, den ich vor wenigen Monaten noch als hässlichen alten Stall in Augenschein genommen hatte.
Heller Holzfußboden nun, weiß verputzte Wände, neue kleine Sprossenfensterchen und dicke alte Eichenbalken unter der Decke. Auf dem Boden eine mit weinrotem Plüsch bezogene, breite Matratze, viele kleine, bunt bezogene Kissen darauf, ein großer Kassetten-Rekorder unter dem Fenster, und in der Zimmerecke daneben ein hochlehniger Korbstuhl.
Mehr nicht.
"Nein", rief ich aus, "das hätte ich nicht für möglich gehalten!"
"Nun, es ist recht spartanisch", sagte sie und lächelte über meine überschwängliche Begeisterung, "aber es soll ja auch nichts ablenken. Alles, was ich brauche, ist da. Nun kann ich meine Einzeltherapien hier abhalten und brauche diese sterilen Räume in der Volkshochschule nicht mehr dafür. "
Sie setzte sich in den Korbstuhl und bot mir den Platz auf der Matratze an. Ich machte es mir dort unten bequem, legte mich hin und streckte die Beine aus.
"Komme mir vor wie beim Therapeuten", grinste ich zu ihr hinüber, "bei dem man auf der Couch merkwürdige Geschichten erzählt. Hab sogar eine, willst du sie hören?"
Majou lächelte und nickte mir zu.
"Eine meiner Kolleginnen ist noch nicht lange wieder im Dienst. Ich hab sie erst vor wenigen Wochen näher kennen gelernt. Sie hatte sich über ein Jahr beurlauben lassen, weil sie wegen einer familiären Tragödie unfähig zur Arbeit war. Gestern Nachmittag hat sie mich zu Hause besucht und mir von ihrem Kummer erzählt."
"Und?"
"Vor drei Jahren etwa bekam sie eine kleine Tochter. Sie haben sie Freya genannt. Überglücklich war sie, denn sie hatten sich lange ein Kind gewünscht. Immer wieder versucht, immer wieder enttäuscht ... Du weißt schon - so wie es bei mir auch früher war. Als sie nach der Geburt gerade wieder aufstehen konnte, ist sie in ihrem Zimmer ans Fenster gegangen, schaute hinaus. Sah direkt auf den Friedhof neben dem Krankenhaus ..."
"Oh, das passt ja. Ein Friedhof neben dem Krankenhaus", wiederholte Majou - begleitet von ihrem leisen, dunkelwarmen Lachen. Sie zog ihre Knie an die Brust und stützte die Arme darauf.
"Ja, das passt, da haben es die Leute nicht weit - aber du musst nicht lachen, es ist in Wahrheit nicht sehr amüsant, denn es geht höchst seltsam weiter. Sie schaute also eine Weile aus dem Fenster. Konnte sogar einige Namen auf den Grabsteinen erkennen. Und plötzlich fiel ihr Blick auf den Stein direkt unter ihrem Fenster. Was glaubst du, welcher Name darauf stand?"
"Freya?"
"Ja, Freya stand darauf. Eigentlich ein nicht sehr geläufiger Name. Hat sie schon sehr gewundert, dieser Zufall. Später schaute sie sich das Grab aus der Nähe an und entdeckte dabei, dass es sich um ein kleines Mädchen handelte, das mit etwa zwei Jahren gestorben war. Natürlich bekam sie einen Schock, als sie das sah."
Majou nickte über ihren verschränkten Armen weise mit dem Kopf. "Kann mir schon denken, was jetzt kommt."
"Ja? Kannst du? Dann sag es mir."
"Die kleine Freya deiner Kollegin ist mit etwa zwei Jahren gestorben?"
"Richtig. Sie bekam, als sie gerade laufen konnte, Leukämie. Ein Jahr etwa hat sich die Krankheit hingezogen. Meine Kollegin hat viel Zeit mit dem Kind im Krankenhaus verbracht, und sie wunderte sich, dass es immer fröhlich war. Der Sonnenschein der Station war das Kind, hat sie gesagt."
"Ja", Majou zog dieses "Ja" sehr lang und nickte weiter dabei. "Kinder sind noch nah dran an allem. Sie sind verbundener mit ihrem Schicksal als die Erwachsenen, haben noch nicht alles vergessen. Sie wissen instinktiv, was ihre Bestimmung ist. Es muss sehr traurig sein für diese Frau. Ich kann verstehen, dass du mit ihr fühlst. Aber es gehörte nun mal zu ihrem Schicksal. Davon bin ich fest überzeugt."
Sie machte eine kleine nachdenkliche Pause. Dann fuhr sie fort: "Achte immer auf die äußeren Bilder. Auf die Dinge, die du erlebst, Menschen, die dir begegnen. Wenn dir zum Beispiel ein Mensch auf Anhieb sympathisch oder unsympathisch ist, wenn Lebenswege sich erstaunlich ähneln. Oder Begebenheiten, die dich immer wieder stören, Veränderungen in deinem Umfeld ... Und denk nicht, dass du die negativen Dinge nicht brauchst. Auch Negatives kann dir weiterhelfen, kann sich in der Rückschau als positiv erweisen. Alles, was du erlebst, kann Hinweis, Botschaft sein für dich. Versuch, dich zu fragen, was du mit einzelnen Bildern, mit einzelnen Begebenheiten deines Lebens assoziierst, beschäftige dich eine Weile damit. Ich denke, da wird sich einiges wiederholen. So lange, bis man die Bedeutung, den Sinn, den Zweck, das Ziel endlich sieht und verstanden hat."
Wieder hielt sie einen Moment inne, steckte ihre Zigarette, die sie sich beim Reden gedreht hatte, in die lange schwarzsilberne Zigarettenspitze, zündete sie an, blies ausgiebig den Rauch von sich, der wie immer nicht nur nach Tabak roch, sondern feinwürzigen Kräuterduft - ich vermutete Haschisch - enthielt, und lächelte in mein ungläubiges Gesicht.
"Ja, schau nur. Wenn du aufmerksam beobachtest, wirst du mich irgendwann verstehen. Und der Blick aus dem Fenster, der Grabstein mit dem Namen ihres Kindes, das war eine Botschaft für deine Kollegin. Da bin ich ganz sicher. Eine ungewöhnlich deutliche Botschaft sogar. "
"Um Gottes Willen, da hätte ich ja viel zu tun", begehrte ich auf, griff nach einem der bunten Kissen, und schob es mir unter den Kopf, "wenn ich alles um mich herum unter solchen Bedingungen sehen müsste. Das geht doch gar nicht. Mein ganzes Leben?"
"Du wirst filtern, glaub mir. Du wirst wissen, was wichtig ist. Die Dinge, die dein Herz ein wenig schneller schlagen lassen, wenn du daran denkst oder wenn du sie in Zukunft erlebst, die sind bedeutsam, glaub mir. Denk drüber nach und schau dich um. Sicher fällt dir einiges auf dabei."
Ich lehnte mich zurück, und mir fiel unwillkürlich die Situation im Garten ein. Damals, als Lilo und Franz uns von den seltsamen Todesfällen in unserer Nachbarschaft erzählten.
"Und was machen inzwischen meine Gänse?" wechselte Majou urplötzlich das Thema. "Kommt Romeo endlich mit Gandolphs Anwesenheit zurecht?"
Ich war gerade dabei, mich zu fragen, was die Begegnung mit meinen Nachbarn mir damals sagen wollte, brauchte einen kurzen Moment, um auf ihre Frage einzugehen.
"Du weißt ja, dass Romeo die Aktion gar nicht so gelungen fand. Gegen Gandolph hat er noch immer keine Chance, und die beiden Damen stehen nur auf den! So ein toller grauer Kerl mit diesem majestätischen Höcker auf der Nase. Sie himmeln ihn an, besonders die gescheckte Wiwi", kicherte ich, "und sie folgen ihm auf Schritt und Tritt. Armer Romeo. Ich dachte, wenigstens das weiße Schneewittchen könnte sich auf die Dauer für ihn erwärmen. Weiß wie Julia, hab ich gedacht. Aber nein ... "
"Schade", sagte Majou, "Gänse sind nun mal treu. Gandolphs Hauptfrau ist eindeutig Schneewittchen, hab ich dir doch gesagt! Bei ihr kann dein Romeo auf keinen Fall landen."
Majou tippte ihre Zigarette ein paar Mal in den kleinen Messing-Aschenbecher in ihrer Hand, zog anschließend den Tabakstummel aus der Spitze, warf ihn in das Gefäß und stellte alles zurück auf den Holzboden neben die silberne Tabakdose.
"Hättest du übrigens Lust auf eine Sitzung?" fragte sie mich unvermittelt.
"Eine Sitzung?"
"Du liegst gerade so schön da. Zur Einweihung meines Therapiezimmers. Sollen wir einfach mal anfangen? Ich beginne mit autogenem Training, mache dann eine Gedankenreise mit dir. Das kennst du doch inzwischen."
"Oh Gott! Und dann willst du wirklich weiter? Darauf bin ich gar nicht eingestellt!"
"Ich stell dich schon ein. Hab keine Angst. "
Sie beugte sich zum Rekorder hinunter und schaltete ihn ein. Sphärische Musik durchflutete leise den Raum.
"Na? Wagen wir es? Wenn es kritisch wird, breche ich ab. Ich bin ja bei dir. "
"Neugierig wäre ich schon ... "
"Dann schließ jetzt einfach die Augen und versuch, dich zu entspannen."
Ich tat, was sie sagte und gab mir Mühe dabei.
Sie fing an, mit ruhiger, gedämpfter Stimme auf mich einzureden. Machte immer wieder längere Pausen dabei, die nur der Musik gehörten.
Schon nach wenigen Minuten fühlte ich mich völlig entspannt.
"Geh zurück in der Zeit, geh weit zurück. Was siehst du?"
Es dauerte eine Weile, bis ich wirklich etwas sah.
"Ich sitze unter dem Küchentisch und schneide mir die Haare ab."
"Wie alt bist du?"
"Weiß nicht genau - Vier vielleicht - Meine Mutter ist furchtbar böse auf mich."
"Lass sie böse sein, geh weiter zurück. Geh zurück in ihren Bauch. Fühl, wie ihr Herz schlägt. Geh jetzt noch weiter, immer weiter zurück. Jetzt bist du an einem anderen Ort. Wo bist du?"
Eine Zeitlang sehe ich nur Dunkelheit. Schwimme im Nichts. Doch dann ist ein Bild da. Tatsächlich ein Bild.
"Ich liege, auf Bretter gebunden auf dem Wasser. Oh Gott, auf dem Meer!"
"Was siehst du noch?"
"Den Himmel. Ich sehe den Himmel!"
"Schau dich um! "
"Neben mir ... neben mir ein riesiges Schiff aus Holz ... Segel ... große Segel! Oben sehen zwei Leute über die Reling. Ein Mann und eine Frau. Oder ein Mann und ein sehr weiblich wirkender anderer Mann. Weiß nicht. Eigenartige Uniformen und Hüte. Sie lachen. Und dort. Die Küste brennt. Das muss Holland sein. Hollands Küste brennt! Man hat mich auf zwei Bretter gebunden und oben vom Schiff schauen Leute auf mich herab. Oh Gott, ja!!!"
Und ich weiß plötzlich, dass es kein Traum ist. Das muss Erinnerung sein!
Eine wuchtige Woge wirft mich auf die Seite, peitscht durch mein Gesicht, stürzt über mir zusammen, nimmt mir die Luft, und ich kann mich nicht halten, sinke ab.
Majou rüttelte an mir.
"Ist ja gut! Wach auf!" rief sie und hielt mich in meinem Weinkrampf. Heftig ist er gekommen, gewaltig! Und ich konnte nicht aufhören damit, konnte nicht heraus aus diesem Bild.
"Wach auf!", schrie sie mich jetzt an. Klatschte gegen meine Wange und schüttelte mich. "Wach auf, Christine! Du musst aufwachen. Es ist vorbei."
Mühsam gelang es mir, zurück zu finden. Ganz langsam nur. Ich öffnete meine Augen, schaute mich um. Sah die weiß getünchten Wände, fühlte den Stoff unter mir. Nein, kein Wasser, es war fest und flauschig. Ich hörte wieder die Musik, blickte in Majous Gesicht. Sie streichelte über meinen Rücken.
"Das mache ich nicht noch mal", weinte ich sie an. "Das mache ich auf keinen Fall noch mal! Ich hab gar nicht geglaubt, dass so etwas funktioniert. Das war Todesangst, Majou!"